Ein differenzierterer Blick auf "modern"

     Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das neu aufgebaute Kassel ein typisches Beispiel eines modernen Planungs- und Entwurfskonzepts, so wie es an der TH Stuttgart vor allem vom Architekturprofessor Paul Bonatz geprägt worden war. Ein Vergleich der studentischen Arbeiten und der später realisierten Kasseler Bauten von Bonatz' Studenten Werner Hasper belegen dies. Hasper verstand es, Raumfolgen und Raumbeziehungen zwischen Räumen des 18. und des 19. Jahrhunderts herzustellen, die es bislang nicht gegeben hatte und die als solche von Stadtbaurat Heinicke geplant worden waren: die Treppenstrasse. Ebenso entwarf Hasper interessante Raumbeziehungen zwischen Räumen des 19. und des 20. Jahrhunderts, geplant von Stadtbaurat Bangert: das Gebäude an der Ecke von Werner-Hilpert-Str./Grüner Weg wirkt aus der Distanz als räumliche Begrenzung eines riesigen offenen Verkehrsraums. Beim Näherkommen setzt die dynamische Wirkung des Gebäudes ein, einerseits weil der obere Teil an der rechten Seite über die Straße hinausragt und andererseits wegen der Proportionierung des scheibenförmigen Körpers gegen die diagonal hochführende Werner-Hilpert-Straße. Im gleichen Stadtteil zwischen Hauptbahnhof und Königsplatz realisierte Hasper ein Schwimmbad, das ebenso frisch modern wirkt, wie die Bauten des 'Festival of Britain, 1951, in London. Der parkartige Raum mit Wilhelm-Denkmal wurde in ein zeitgenössisches Erholungsgebiet umgewandelt. Auffallend ist, dass Haspers Bauten, im Gegensatz zu denen von Walter Grüning und anderen Architekten, eine raffinierte Form von strategisch-punktuelIen Eingriffen demonstrieren, die er vorher mit der Treppenstraße in einer mehr traditionalistischen Variante realisiert hatte.


In der historischen Aufarbeitung der NS-Zeit während der 80er Jahre wurde deutlich, welch prägenden Einfluß sowohl Bonatz als Hasper in der Architektur und Planung der NS Periode hatten. Anschließend wurde etwa ein Jahrzehnt lang dieses Verdachtsgefühl auf die ganze Moderne übertragen, und es dominierte die Vorstellung der ungewünschten und bis dahin allzusehr unbeachteten Konitiuität. Eine solche Einschätzung wertete die vorher als optimistisch und positiv erfahrene Wiederaufbauarchitekur sehr stark ab. Kassel wurde nicht mehr als bewundertes Topbeispiel, sondern als heruntergekommenes und belastetes Beispiel der Moderne wahrgenommen.


Ein differenzierterer Blick könnte heute jedoch zu dem Schluß kommen, dass jene Art von Bewertung das Verständnis von Planung und Architektur ideologisiert und damit zu stark verallgemeinert hat. Stattdessen sollte die Frage erlaubt sein, welche Idee heute das facettenreiche Bild der Modernität transportiert - Überlagerung, Neuinterpretation oder Überarbeitung. Kassel bietet dazu eine interessante Palette von Barock, Autobahnen und Wiederaufbauarchitektur, deren Verbindung als Folge der starken Zerstörung im Jahr 1943 sowohl radikaler als konkreter ist als die Suggestionskraft der Geschichtsschreibung Sigfried Giedions in 'Raum, Zeit und Architektur' (1941). Giedion geht von Bath, über die amerikanische Parkway zu den modernistischen Bauten von Gropius und Le Corbusier und suggeriert eine mögliche Stadt der Zukunft, die solche Konzepte vereinigt. Kassel besitzt mit dem Königsplatz und dem Friedrichsplatz eine Bath-ähnliche Struktur als Zentrum, umgeben von einer autogerechten Verkehrsstruktur, flankiert von modernen Wohn- und Geschäftshäusern, reizvollen Parks und einer von den Gebrüdern Grimm vergeistigten Landschaft. Und was vielleicht noch wichtiger ist: die Stadt hat ganz spezifische Muster einer möglichen architektonischen Kohäsion gefunden. Eine solche Kohäsion entsteht aus der Auseindersetzung mit Widersprüchen und Gegensätzen im Laufe der Zeit. Architektur funktioniert hierbei als Interpretationsinstrument des Geerbten. Dies beinhaltet viele Momente des Umdenkens, die durch eine idee fixe der Planung weder reibungslos noch kontinuierlich erfolgen. Vor allem die Essenz des Um- und Neuinterpretierens direkt nach dem Krieg hat dabei ihre berechtigte und konkrete Dimension, die man seit den 80er Jahren allzu stark vermeintlich 'objektiviert' hat, statt sie zu sehen, zu tasten und zu spüren.


Gewiß bleibt jedoch etwas Irritierendes am Begriff 'modern' haften, wenn wir von der Kasseler Innenstadt reden: das Bild von relativ (und manchmal auffällig) merkwürdig plazierten modernistischen Bauten, die wie beliebig eingestreute 'Kisten' wirken. Denn ein Gefühl des Zusammenhangs ist in der Kasseler Innenstadt nur beschränkt möglich. Direkt neben der Königsstraße, hinter dem Königsplatz bis zum Hauptbahnhof - eine Fläche von etwa einem Drittel der Innenstadt -, zeigt die Stadt keine mit einem Museumssaal vergleichbare Qualität, nein, nicht einmal mit einem Museumsparkplatz. Hier vermittelt die Stadt den Eindruck eines Irrtums, oder wie es Christoph Hackelsberger 1985 formuliert hat: "Der innerstädtische Wiederaufbau Kassels hat indes zu einer Art Wüstenei geführt." Das Gebiet sieht so aus, als ob es ohne Regeln gebaut sei. Bauten haben stark unterschiedliche Höhen, Eckbauten ragen brutal in den Himmel und scheinen die Baufluchtlinien beliebig zu übertreffen. Dennoch ist davon auszugehen, dass alle Ausnahmen durch das Hochbauamt genehmigt wurden und dass somit eine städtebauliche Idee hinter dieser 'Wüstenei' stand. Tatsächlich hat Stadtbaurat Wolfgang Bangert mit bestimmten Spielregeln gearbeitet, ohne jedoch das typisch 'moderne' Problem einer "Häufung von Kuben am Abhang" zu kontrollieren, so wie es Mies van der Rohe in der Weissenhofsiedlung mit dem von ihm selbst realisierten relativ großen Wohnblock versucht hat. Nur als Autofahrer erfährt man in der Kasseler Innenstadt ein Gefühl der Reihung. Man kann die Hochbauten als eine Reihe von Torsituationen erleben, als einen Rhythmus, der die Verkehrsstraßen im Vorbeifahren markiert. Als Fußgänger fällt jedoch vielmehr das Durcheinander von architektonischen Bildern auf: den Traditionen nachempfundene Muster entlang der Straße werden durch zu viele Ausnahmen unterwegs und an den Ecken unterbrochen und lassen keinen Zusammenhang erkennen. 'Modern' ist nur das Bild der Ausnahme, der eingestreuten Hochbauten in Kombination mit den relativ breiten Verkehrsstraßen.



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